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Aktuelles

05. März 2026

Care – Das unsichtbare Fundament unserer Gesellschaft

Warum wahre Gleichberechtigung erst dort beginnt, wo wir Verantwortung und Fürsorge gerecht teilen

Unironischerweise findet der internationale Equal-Care-Day am 29.02. statt und das auch erst seit dem Jahr 2016. Richtig gehört: durch die Schaltjahre findet er nur alle vier Jahre statt. Das ist zugleich lustig wie auch traurig, da er mit der Intention festgelegt wurde, um zu beleuchten, wie ungleich das Verhältnis der Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern (nämlich häufig 1:4) eigentlich wirklich ist. Zudem kommt der bedeutende Aspekt der strukturellen Unbezahltheit, sowie Unsichtbarkeit des Themas zum tragen. 

Care-Arbeit ist ein Konzept was uns alle im Alltag betrifft, denn die grundlegende Idee von Fürsorge- und Hausarbeit ist historisch nicht geschlechtsspezifisch festgelegt. Ob Wäsche waschen, putzen, kochen, Kinderbetreuung oder emotionaler Support: auf menschlicher Ebene sind dies Tätigkeiten, die wir alle bewältigen müssen. Es war die rasante Industrialisierung und das System des Kapitalismus welche dafür sorgten, dass Care-Arbeit Frauensache wurde: und das, ohne eine weibliche Einwilligung. Mit der Einführung der produktiven Erwerbsarbeit und einer daraus resultierenden Entlohnung dieser bekam die Hausarbeit schnell den Rang einer unentlohnten und im Hintergrund ausgeführten Arbeit. Schnell entwickelte sich eine Struktur, die dafür sorgte, dass ein Ehepartner einer Erwerbsarbeit nachging und sich der andere Ehepartner der Tätigkeiten im Haus annahm. In den aller meisten Fällen war es der Ehemann der den ganzen Tag auf der Arbeit war und die Ehefrau die zuhause blieb und sich um den „Rest“ kümmerte. Bis heute ist die Vorstellung dieser geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in uns verankert. Viele sind selber mit dieser Weltvorstellung großgeworden. Über die Zeit stiegen auch Mütter langsam wieder in den Markt und die Erwerbsarbeit ein. Wenn Mütter arbeiten gehen, tun sie das jedoch meistens entweder im Niedriglohnsektor oder in einer Teilzeitanstellung: 2024 haben insgesamt 23% Frauen in Vollzeit und 23% in Teilzeit gearbeitet. Bei den Männern sind es allein 47% die in Vollzeit arbeiten und nur 7% die in Teilzeit arbeiten. Ebenfalls die individuellen Wirtschaftsbranchen sind sehr stark geschlechtsspezifisch verteilt. Während insgesamt 77% (34% Vollzeit, 43% Teilzeit) Frauen im Bereich Gesundheit- und Sozialwesen tätig sind, sind es nur insgesamt 21% Männer. Hingegen klassisch demgegenüber steht die Branche Baugewerbe bei der insgesamt 86% Männer und nur 14% Frauen tätig sind.  

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit 

Die Zahlen sprechen erstmal für sich, doch die Konsequenzen sind oft erst Jahrzehnte später spürbar. Der sogenannte Gender Care Gap beschreibt die Unterschiede in der Zeit, die Männer und Frauen für Sorgearbeit aufwenden. Dieser wandelt sich zwangsläufig im Laufe eines Lebens in einen Gender Pension Gap. Wer weniger Stunden im Erwerbsleben verbringt, um für andere da zu sein, zahlt den Preis im Alter. In Deutschland liegt die Rentenlücke zwischen den Geschlechtern bei ca. 30 %. Da unser Rentensystem primär auf Erwerbsbiografien in Vollzeit basiert, wird die Zeit, die zu Hause für die Gesellschaft investiert wurde (Kindererziehung, Pflege von Angehörigen), nur minimal honoriert. Weitergehend gibt es auch das Phänomen der „Motherhood Penalty“, welches aufzeigt, dass statistisch gesehen das Einkommen von Frauen mit jedem Kind signifikant sinkt, während das von Vätern oft sogar steigt (der sogenannte „Fatherhood Bonus“).

Unbezahlte Care-Arbeit ist somit nicht nur ein privates Organisationsproblem, sondern ein massives Armutsrisiko für Frauen. Es ist paradox: Die Arbeit, die unsere Gesellschaft am Laufen hält, führt bei denjenigen, die sie leisten, zur finanziellen Instabilität. 

Neben der klassischen Aufteilung in unbezahlte und bezahlte Arbeit spielt jedoch ein weiterer Aspekt eine zentrale Rolle, wenn es um die geschlechtsspezifischen Ungleichverteilungen im Bereich der Care-Arbeit geht. Care-Arbeit erschöpft sich nicht im bloßen Ausführen von Tätigkeiten. Hinter jedem sauberen T-Shirt und jedem gefüllten Kühlschrank steckt das, was wir heute Mental Load nennen: das endlose Management-Karussell im Kopf. Wer denkt an den nächsten Zahnarzttermin? Wer kümmert sich um Lebensmittel und Essen? Wer hat im Blick, dass das Geburtstagsgeschenk für die Schwiegermutter noch besorgt werden muss? Diese kognitive Arbeit ist das Fundament, der unseren Alltag zusammenhält, aber sie taucht in keiner Zeiterfassung auf. Sie führt dazu, dass Frauen oft selbst im Feierabend nicht abschalten können, weil die Verantwortung für das private System ‚Familie‘ niemals Pause macht. Auch dies fundiert erneut auf den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau: Zum einen die Erziehung: Mädchen werden oft dazu erzogen, bedürfnisorientiert, emotional eingebunden und vorausschauend zu agieren. Zum anderen zeichnet sich eine „gute Mutter“ in unserer Kultur oft dadurch aus, dass sie alles im Blick hat. Vergisst ein Vater den Turnbeutel, ist das ein sympathisches Malheur; vergisst es die Mutter, gilt sie schnell als unorganisiert oder nachlässig. 

Das Unsichtbare sichtbar machen – ein Appell an uns alle

Die Wahl des 29. Februar als internationaler Aktionstag für den Equal Care Day ist kein Zufall, sondern eine bewusste Provokation. Seit seiner Initiierung im Jahr 2016 macht dieses Datum auf die mangelnde Sichtbarkeit von Sorgearbeit aufmerksam: Da der Tag aufgrund des Schaltjahreszyklus nur alle vier Jahre offiziell im Kalender erscheint, versinnbildlicht er die Marginalisierung eines Themas, das unser gesellschaftliches Fundament bildet. 

Care-Arbeit ist ein universelles Konzept, das die biologische und soziale Reproduktion der Gesellschaft sicherstellt. Historisch betrachtet war die Zuständigkeit für Fürsorge- und Hausarbeit – wie die Verpflegung, Reinigung oder Kinderbetreuung – nicht naturgegeben an ein Geschlecht geknüpft. Erst im Zuge der Industrialisierung erfolgte eine strikte Trennung in „produktive“ Erwerbsarbeit und „reproduktive“ Privatarbeit.

Durch die Kopplung von Status und Existenzsicherung an die monetäre Entlohnung wurde die Hausarbeit systematisch abgewertet und in den privaten, vermeintlich „weiblichen“ Bereich verdrängt. Diese Struktur, die den (männlichen) Familienernährer vorsah, prägt unsere gesellschaftlichen Rollenbilder bis in die Gegenwart.

Frauen werden noch immer daran gemessen, wie perfekt sie das „Privatleben“ managen, während Männer für das bloße Mitwirken Applaus ernten. Diese Ungerechtigkeit ist kein Versehen: sie ist strukturelle Benachteiligung, die Frauen Zeit, Geld, Aufstiegschancen und letztlich auch Gesundheit raubt. Doch solange alles läuft, bleibt diese gigantische Leistung unsichtbar – und mit ihr die Millionen Frauen, die sie Tag für Tag erbringen. Das Thema Care-Arbeit ist hier nur in Ansätzen beleuchtet worden, doch es gibt vielseitige Studien darüber, wie sich die Ungleichheiten in viele weitere Bereiche ausbreitet. Es sollte also immer im Fokus stehen, welcher breit gefächerte Hintergrund noch zu erforschen und zu bedenken ist. 

Care-Arbeit ist kein Frauenthema – sie ist das Fundament unserer Existenz und es wird Zeit, dass wir sie auch so behandeln.


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